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Handspiel

Seit 82 Jahren wird das berühmte TIPP-KICK in einem kleinen Handwerksbetrieb in Villingen-Schwenningen gefertigt.

Die Letzte Änderung liegt so lange zurück wie das Wunder von Bern. Bisher wurden acht Millionen Spiele verkauft.

Mit seinen 76 Jahren kommt Franz Rusch immer noch zwei Vormittage jeder Woche in die Firma, um Beine zu montieren. „Er kann nicht aufhören“, sagt Mathias Mieg, sein Chef, zu dem anhänglichen Verhalten; doch dem alten Mann nahezulegen, aufzuhören, das würde er niemals tun. Rusch nämlich hat sich, man muss es leicht altertümelnd sagen, um die „Edwin Mieg oHG“ sehr verdient gemacht.

Und das ist ja nicht irgendein beliebiger Laden in der Provinz, nicht wahr?
Das ist der Produzent von TIPP-KICK in Villingen-Schwenningen im südlicheren Schwarzwald, bei Rottweil, Sie wissen schon. „Wir sind ein unbekannter Handwerksbetrieb, aber wir haben ein berühmtes Spiel“, sagt Mieg.

Und dass es so berühmt ist, das genau ist Ruschs Verdienst: Verfügte TIPP-KICK zuvor nur über einen steifen Torwart, der auf den Knien hin- und hergerutscht werden konnte, so entwickelte Rusch eine neue Nummer 1, die auf Knopfdruck hechten kann. Fortan verkaufte sich das Spiel viel, viel besser. Diese Neuerung geschah 1954. Es war eigentlich die letzte große Neuerung bei TIPP-KICK.

Doch 82 Jahre nach der Erfindung des Spiels und 52 Jahre nach Lösung der Torwartfrage läuft TIPP-KICK besser denn je. „Wir haben 2006 bisher fast 200 000 Spiele abgesetzt, das ist Rekord“, sagt Mathias Mieg, der den Betrieb mit seinem Cousin Jochen Mieg in der dritten Generation leitet, nach ihren Vätern Peter und Hansjörg und nach dem Großvater Edwin Mieg. Der anhaltende Erfolg – sechs Millionen Verkäufe in 82 Jahren – ist umso erstaunlicher, als TIPP-KICK ein sehr verfremdeter Fußball ist: Man spielt ja wohl eigentlich mit der Hand und muss dem einzigen Spieler, den man hat, einen Knopf in den Kopf drücken, damit das Bein vorschnellt und den Ball auf ein Plastiktor schießt; und, lieber Himmel : Der Ball ist eckig! Harald Schmidt fiel dazu mal ein, TIPP-KICK sei „wie Fußball von Mario Basler: Das Bein erst bewegen, wenn der Ball direkt davor liegt.“

Die Attraktion, sagt Mieg dazu, seien halt „die einfachen Regeln, und wenn ich übe, werde ich besser“ – 2000 Menschen in Deutschland spielen TIPP-KICK in Vereinen. Aber natürlich ist es der Rummel um die Weltmeisterschaft, der das Spiel so fördert: Viele Firmen empfinden es 2006 als originell, ein Fußballspiel als Werbegeschenk einzusetzen. „Wenn VW TIPP-KICK verschenkt, kriegen es auch viele Leute, die es nie kaufen würden“, sagt Mieg ganz froh, weiß aber auch: „Wir richten uns auf ein deutlich ruhigeres zweites Halbjahr ein.“

Nun ist es nicht ganz fair, so zu tun, als sei TIPP-KICK immer gleich. Tatsächlich gibt es viele Variationen im Kleinen: drei verschiedene Haltungen des Schussbeins etwa, feste Tore sowie Netztore, auch eine Profi-Version des Kickers – in Edelstahl. „Wir sind im Moment sogar sehr innovativ“, sagt der 44-Jährige und verweist gern auf das neu entwickelte Flutlicht („Das nutzen aber vor allem die Carrera-Leute für ihre Rennbahnen“) oder auf die Spielfassung mit Banden: „Das sind schon Mehrkosten in der Produktion, aber die haben wir im Griff. Firmen platzieren ihre Reklame auf den Banden.“ Wohlgemerkt: Echte Firmen bezahlen richtiges Geld, damit ihr Logo auf den Banden eines Fußballspiel- Spiels steht. Dann hat man es wohl geschafft als Spielehersteller…

Und natürlich gibt es die Spieler in allen möglichen Vereinsfarben. Man schaue sich dazu nur die Wand da an, zugestellt mit Pappkisten; und auf den Kisten steht, welche Spieler drin liegen: „Norwegen Nr. 46“, „Lettland Nummer 64“ … „Sturm Graz Nr. 94“… „Bayern München alt Nr. 277“ … „AC Mailand Nr. 1977“. Es gebe halt Sammler, die wollten jedes Trikot, und Spieler, die wollten ihren Tipp-Kicker in den Farben des eigenen Vereins: „Von Bayern verkaufen Sie 5000 bis 6000 im Jahr, von Bochum sind es dann vielleicht 200.“

20 Menschen sind hier beschäftigt. Die Zinkfiguren kommen aus einer nahegelegenen Gießerei, bei Mieg dann montieren sie die Beine und die Druckknöpfe, machen eine Endkontrolle, kleben Spielfelder. Dann gehen die Figuren kistenweise aus diesem kleinen 60er-Jahre-Betonbau in Schwenningen heraus nach Tunesien, wo sie bemalt werden, und kehren zurück zum Verpacken und Verschicken an den Handel.

Eine zweite Produktion hat Mieg vor kurzem allerdings in China geöffnet, vergleichsweise angstfrei, da die Firma schon in Deutschland immer reichlich mit Kopisten zu kämpfen hatte – es gebe kein Recht, das Spielprinzip zu schützen , erklärten Gerichte. Nördlich von Hongkong lassen Miegs jetzt bauen für den ebenso riesigen wie ahnungslosen asiatischen Markt, der TIPP-KICK noch gar nicht kennt; was im Fachblatt des „Deutschen Tipp-Kick Verbandes“ aber schon zu alarmistischen Beiträgen führte: „2008 heißt der weltbeste Tipp-Kick-Spieler vielleicht nicht mehr Koch, König oder Beck, sondern Yang, Li oder Lu… Wir Deutschen müssen uns künftig sehr strecken!“

Jedenfalls steht  auch die vierte Generation von Miegs optimistisch bereit, aufzulaufen: die Urenkel des Gründers, Leonard (11) und David (9), die Söhne der beiden amtierenden Cousins. „Sie wissen schon, dass sie das auch wieder machen wollen“, sagt Mathias Mieg. Leonard hat sogar schon etwas Neues entwickelt für TIPP-KICK: einen Torwart, der abschlagen kann. Bloß nichts überstürzen jetzt!

Von: Hubert Wolf